Wohnungslosenhilfen
Die Zeit bei Wohnungslosenhilfen, ist ein Eintauchen in eine Welt der Extreme. Not, Verzweiflung und Bitterkeit werden begegnet mit offenen Ohren und freundlichen, aber auch manchmal lachenden oder zurechtweisenden Worten.
„Diese Welt ist fürchterlich rau – aber erschreckend echt“, meinte ein Mitarbeiter zu mir. Und ja, ich pflichte ihm bei. Wenn ich abends draußen in der Kälte neben dem liegenden Jens an der Hauswand hocke und mich mit ihm über seinen Tag unterhalte – dann empfinde ich das Leben mit seinen elementaren Grundbedürfnissen sehr intensiv.
Klaus Merz

Blog
„Wir alle sehnen uns nach einem Zuhause, einem sicheren Ort, an dem wir so sein können, wie wir sind und nicht in Frage gestellt werden“
(Unbekannt)
Draußen
Auch draußen leben Mitmenschen unserer Gesellschaft.
Oft vermeiden wir, ihnen zu begegnen. Oder, wenn wir es nicht frühzeitig schaffen, die Straßenseite zu wechseln, geht manch einer mit versteinertem Gesicht möglichst schnell „an denen da“ vorbei. Das Leben unserer Mitmenschen da draußen unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von unserem und doch, wenn wir uns Zeit nehmen und den Kontakt suchen, erkennen wir Gemeinsamkeiten. Dann spüren und erleben wir Wärme, Fürsorge, Angst und Hoffnung. emotionale Regungen, die ein jeder von uns drinnen erlebt.
Jede Begegnung, jedes Gespräch und jedes Erlebnis mit Persönlichkeiten, die sich – im wahrsten Sinne des Wortes draußen – durch das Leben schlagen, ist eine Bereicherung für mich. Ich lerne in diesen Momenten viel über Menschen, über uns und über unsere Gesellschaft.
Ich bedanke mich an dieser Stelle bei allen Persönlichkeiten, die ich in unterschiedlichen Wohnungslosenhilfen kennengelernt habe, für die gemeinsamen Momente.
Herr Jasch
Leuchtendbunte Farben sind nicht die Assoziationen, die in mir aufsteigen, wenn ich mich dem Begegnungscafé nähere. Ich sehe das Backsteingebäude mit Fenstern, die so hoch gelegen sind, dass man von der Straße nicht hineinschauen kann. Ich spüre das dumpfe Abgehängte des Gebäudes – wie eine verlassene Industrieanlage im trüben Novemberregen. Doch, so wie die Vielfalt der Menschen draußen im bunten pulsierenden Straßenverkehr, ist auch die Gemeinschaft im Backsteingebäude – ein Querschnitt unserer Gesellschaft mit seiner Vielzahl von unterschiedlichsten Persönlichkeiten, die sich im Aussehen, ihrer Kleidungswahl und ihrem Verhalten stark unterscheiden.
Vertraut nehme ich inzwischen meine Erstkontakte mit Mitarbeitern der Einrichtung zur Kenntnis. Mein Erscheinungsbild unterscheidet sich nicht von dem der Mitarbeiter und auch nicht von vielen der wohnungslosen Menschen, die als Besucher in das Begegnungscafé kommen. Regelmäßig werde ich bei diesen Erstkontakten mit mir unbekannten Mitarbeitern höflich gefragt, ob ich als wohnungslose Person meine Post abholen möchte.
Beim Eintreten in das Gebäude vernehme ich heute gedämpfte Gesprächsfetzen. Viele der Besucher sitzen in kleinen Gruppen mit Kaffeetassen und Tabak an Tischen. Ich erblicke Herrn Jasch auf einem ausgezogenen Sessel. Lässig, aus halb geschlossenen Augen blickt er zu mir herüber. Herr Jasch ist einer der Besucher, den man hier im Begegnungscafé nicht erwarten würde. Seine Kleider sind schlicht, aber wie sein Äußeres gepflegt. Seine Haare sind sehr kurz geschnitten und sein Gesicht ist immer frisch rasiert. Wache Augen, die nicht von Alkohol oder Drogen gekennzeichnet sind, beobachten die Umgebung. Bemerkenswert ist seine Wortwahl. Ich habe das Gefühl, Herr Jasch schöpft aus einem schier unendlich großen Füllhorn an Begriffen. Ich unterhalte mich gerne mit Herrn Jasch. Wenn ich mich besonders wohlfühle, wechseln wir dabei von Deutsch ins Englische. Herr Jasch spricht diese Sprache als wäre es seine Muttersprache. Ich setze mich zu ihm und sehr schnell gleiten wir in eine Unterhaltung. Diesmal geht es um junge Menschen und Kinder. Herr Jasch sucht etwas in seinen Taschen, dann zieht er seine Brieftasche hervor und entnimmt daraus ein vergilbtes, zerknittertes, oft benutztes Foto. Ich sehe einen kleinen Jungen. „21 Jahre alt ist er geworden.“ sagt Herr Jasch und packt das Foto vorsichtig wieder ein.
„Mein Sohn hat nie erfahren, was für eine coole Socke sein Vater ist.“ flüstert Herr Jasch. Es ist sein Sohn, die Ähnlichkeit ist unbestreitbar.
„Wissen Sie.“ sagt er mit wissendem Blick und schaut mir dabei in die Augen. „Ich richte mich im Leben nicht nach Menschen. Die Natur und die Tiere sind meine Richtschnur. Bei denen ist alles ehrlich und echt.“
Dann rollt er sich wieder ein wenig auf seinem Sessel ein und schließt seine Augen.
Damian
Heute wird gebacken.
Dafür brauche ich Unterstützung. Fragend schaue ich mich im Begegnungscafé um. Michael nickt, als ich ihn frage. Da hinten sitzt Damian. In den letzten Wochen war er verhaltensauffällig und wurde wegen seinen ungehaltenen lauten Ausbrüchen mehrmals des Hauses verwiesen. Im Augenblick ist er ruhig. Ich frage ihn, ob er mir beim Backen helfen möchte. Er schaut mich völlig erstaunt an, denkt nach, steht schließlich langsam auf und folgt mir in die Küche. Ich bitte Michael, die Johannisbeeren von den Stauden zu zupfen. Dann erkläre ich Damian, was er für den Teig benötigt. Michael kümmert sich um die Beeren. Damian bereitet vorsichtig und konzentriert den Teig vor. Vor jedem Schritt fragt er mich nach den exakten Mengen und Bedingungen. Der Kuchen kommt in den Ofen. Damian legt Wert darauf, Besteck, Töpfe und Arbeitsplatte nach der Arbeit akkurat zu säubern.
Der Kuchen schmeckt gut, alle sind zufrieden. Damian meldet sich selbstbewusst und möchte fünf Stücke für seine Freunde. Ein wenig später informiert mich meine Kollegin, dass Damian mich sucht. Ich gehe zu ihm und bedanke mich für seine Hilfe.
„Was?“ ruft er laut. „Ich muss mich bedanken! Oh Mann, das war toll!“ sagt er und hebt seine Hand für ein High five.
„Das können wir gerne wieder machen.“ Antworte ich und schlage in seine Hand.
„Wow!“ antwortet Damian.
Ich muss lächeln.
Eddy
Heute assistiere ich Eddy im Begegnungscafé. Zusammen bereiten wir in der Küche das Frühstück vor. Eddy ist wohnungslos und nächtigt seit Jahren in einer Notunterkunft. An den Wochenenden ist die Küche sein Hoheitsgebiet. Im routinemäßigen Fluss seiner Bewegungen entstehen belegte Brote und dampfend heißer Kaffee. Ich gehe ihm helfend zur Hand und kümmere mich um die Gäste.
„Nächsten Frühling werde ich gehen.“ Sagt Eddy zu mir.
„Oh!“ erwidere ich. „Wo gehst du denn hin?“
„In den Westerwald.“ Antwortet Eddy. „Ein Bekannter möchte dort einen Blockhüttenpark betreiben und ich soll alles planen, bauen und verwalten.“
„Ein Blockhüttenpark.“ Sage ich beeindruckt. „Wie stellt ihr Euch das vor?“
„Meine Planungen gehen von einem 2 Hektar großen Grundstück aus.“ Erklärt Eddy. „Insgesamt werden zwölf Häuser gebaut.“
„Wie viel Quadratmeter hat denn so ein Haus?“ frage ich.
„Ca. 17 Quadratmeter Wohnfläche und eine so um die zweieinhalb Quadratmeter große, überdachte Terrasse.“
„Baut ihr die Häuser selber?“ frage ich neugierig.
„Die Häuser werden als Selbstbausätze mit 40 Millimeter dicken Brettern aus Polen geliefert. Aufbauen werde ich sie mit zwei Bekannten. Das erste Haus ist für mich. Als Verwalter werde ich auf dem Platz wohnen. Ein Problem ist die Stromversorgung. Wir benötigen ein halb erschlossenes Grundstück. Da auf alle Dächer Solarzellen installiert werden, werden sich die Stromkosten in Grenzen halten.“
„Und wie macht ihr das mit dem Wasser?“ frage ich.
„Das Grundstück grenzt an einen Bach.“ Antwortet Eddy. „Von dort legen wir Leitungen und transportieren mittels Pumpen das Wasser zu den Häusern. Das Abwasser entsorgen wir über Sickergruben.“
Ruhig und souverän spült Eddy während seinen Erklärungen das Geschirr. Er schaut grübelnd hoch. „Die Frage der Ziegel sei noch nicht ganz geklärt, also, wie die Dächer gedeckt werden. Es gäbe verschiedene Möglichkeiten, wie Schiefer, Teerpappe oder Plastik.“
„Die Planungen sind aber schon weit fortgeschritten.“ Sage ich anerkennend.
„Ja.“ meint Eddy ruhig. „In einem Monat setzen wir uns zusammen und besprechen die letzten Details.“
„Dann verlässt du uns im Frühjahr.“ sage ich.
„Ja, dann bin ich weg.“ erwidert Eddy nickend.
„Schade!“ sage ich und trockne die Tassen ab.
„Sag mal!“ frage ich ihn ein paar Minuten später. „Solltest du nicht im Herbst ein Pferdegestüt in Mecklenburg-Vorpommern verwalten?“
Eddy winkt ab. „War zu kompliziert. Die beiden Investoren hatten unterschiedliche Vorstellungen. Außerdem hätte ich ein Auto gebraucht und sofort anfangen sollen. Aber im Augenblick habe ich viel zu erledigen. Ich habe jemanden versprochen, nächste Woche die Updates auf seinem Laptop herunterzuladen und zu installieren.“
Herr Schmidt
Ich sitze im Büro vom Begegnungscafé, als Herr Schmidt in der Tür steht.
„Entschuldigung“, sagt er höflich. „Ich habe eine Frage. Gibt es auch einen Arzt, der mich ohne Gesundheitskarte behandelt?“
Ich schaue ihn verwundert an. „Das ist eine schwierige Frage.“ antworte ich. „Haben Sie Ihre Karte verloren?“
„Ich habe keine.“ antwortet Herr Schmidt.
Ich nehme schweigend Herrn Schmidts Äußeres wahr. Er hat ein gepflegtes Erscheinungsbild und scheint keine Drogen oder Alkohol in größeren Mengen zu konsumieren.
„Ich glaube, mein Sozialarbeiter möchte in den nächsten Tagen versuchen, eine Karte für mich zu beantragen.“ erläutert er mir. „Ich bin noch nicht lange hier.“ fügt er hinzu.
„Ich befürchte, dann müssen sie warten, bis die Karte genehmigt ist.“ erkläre ich ihm. „Liegt ein akuter Notfall vor?“
„Nein.“ antwortet er. „Hat noch Zeit. Ist nur etwas mit den Zähnen.“
Herr Schmidt geht in den Nebenraum. Später setze ich mich zu ihm.
„Haben Sie Schmerzen?“ frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. „Das mit der fehlenden Karte verstehe ich nicht.“ bemerke ich nachdenklich. „Eigentlich hat doch jeder eine Karte.“
„Ich war drei Jahre in Brasilien.“ sagt er leise. „Ich bin erst vor ein paar Wochen wieder nach Deutschland gekommen.“ Ich sehe ihn fragend an.
„War dort zweieinhalb Jahre im Gefängnis und als ich hier in Frankfurt aus dem Flugzeug stieg, wurde ich gleich wegen einer alten Sache verhaftet und bin hier auch ein paar Wochen eingefahren.“
„In Brasilien.“ sage ich. “Das ist hart.“
„Ja.“ sagt Herr Schmidt nickend. „Ich habe alles gesehen, wirklich alles.“
Schweigend schauen wir uns an.
„Sie haben es überstanden?“ frage ich leise. Er nickt mehrmals leicht und schaut mir in die Augen. Wir schweigen beide mehrere Minuten
Dann nehme ich das Gespräch wieder auf. „Nach dem Knast in Frankfurt sind Sie zu uns gekommen?“ frage ich ihn.
„Nein, zuerst hat mich meine Nichte aufgenommen.“ seufzt Herr Schmidt. „Aber wir hatten Streit und da hat sie mich nach ein paar Wochen herausgeschmissen. Jetzt bin ich hier.“
Ein paar Tage später sehe ich ihn wieder im Begegnungscafé sitzen. Ich setze mich zu ihm.
„Wie geht es Ihnen?“
„Nicht gut.“ antwortet Herr Schmidt. „In der Notunterkunft kann ich kaum schlafen. Die Luft ist so stickig und bestohlen werde ich auch.“
„Sie müssen mit ihrem Sozialarbeiter reden.“, erkläre ich ihm. „Immer wieder. Sie müssen hier raus.“
„Ja.“ meint er nickend. „Nächsten Mittwoch werde ich wieder versuchen, mit ihm zu reden.“ Es vergehen ein paar Wochen, bis ich Herrn Schmidt wieder sehe. Er sieht mich und lächelt ein wenig. Ich gehe zu ihm.
„Gibt es etwas Neues?“
„Ja, ich bekomme jetzt Hartz 4.“ sagte er nickend. „Sogar rückwirkend und ab Anfang nächsten Monat habe ich ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft.“
Ich lächle. „Das ist doch großartig! Herzlichen Glückwunsch!“
„Ja.“ Er nickt zustimmend und strahlt jetzt sogar über das ganze Gesicht. “Es geht aufwärts. Ich komme auch hier raus.“
Er lehnt sich zurück, holt tief Luft und schaut mich herausfordernd an: „Ja, es geht, wenn ich will!“
Ich habe Herrn Schmidt nie wieder im Begegnungscafé gesehen.
Herr Epping
Das Begegnungscafé ist heute gut besucht. Langsam schlendere ich durch die Räume und schaue, welche Besucher heute gekommen sind. An dem brusthohen, als Raumteiler aufgestellten Bücherregal steht er leicht pendelnd und tief über einen Laptop gebeugt: Herr Epping. Interessiert schaue ich zu ihm. Herr Epping ist – für meine Begriffe – immer stilvoll gekleidet. Mit seiner 7/8-Hose, dezentem Polohemd, Sneakers und lässiger Jacke ist sein Outfit auf jeden Fall moderner als meines. Wie immer frisch rasiert und mit sehr kurz geschnittenen Haaren ist er dabei, vorsichtig und akribisch den Laptop auseinanderzubauen. Als ich auf ihn zugehe, bemerkt er meine Silhouette. Er hebt den Kopf.
„Guten Tag, Herr Merz.“ begrüßt er mich mit einem freundlichen Lächeln. „Wie geht es Ihnen?“
„Guten Tag, Herr Epping.“ erwidere ich. „Mir geht es sehr gut. Wie geht es Ihnen?“
Herr Epping grinst. „Gut geht es mir.“ sagt er. Er senkt seinen Kopf wieder über den zerlegten Laptop.
Herr Epping ist ein enthusiastischer Technikexperte. Eine wandelnde Informationsquelle für alle Fragen zu elektrischen und elektronischen Geräten. Stundenlang kann er selbstvergessen an den Schätzen seiner Sammlung werkeln. Neugierig betrachte ich den Laptop.
„Ist der Rechner defekt?“
„Den Elektrolyt-Kondensator im SMD-Format möchte ich wieder auf die Platine löten“, murmelt Herr Epping. „Doch der SMD ist filigran. Wenn das nicht funktioniert, werde ich einen wertgleichen normalen Elko besorgen und diesen als Ersatz auf die Anschlüsse löten. Den kann ich auch zur Not liegend platzieren, denn dafür wäre Platz. Muss aber aufpassen; das Bauteil muss auch richtig herum aufgelötet werden.“ erklärt er mir sein Vorhaben mit gesenktem Kopf in einer monotonen Singsang-Stimme.
Herr Epping ist übervoll mit detaillierten Fakten. Wie nicht anders zu erwarten, habe ich wieder einmal das Gefühl, es wurde ein Eimer voll Informationen über mich ausgeschüttet. Ruhig wische ich mit einem Lappen die Fläche um seinen Laptop sauber.
„Sie sind schlimmer als das Gesundheitsamt.“ schmunzelt Herr Epping in meine Richtung und hebt den Kopf.
Ich grinse augenzwinkernd zurück und gehe zu einem anderen Besucher.
Ein paar Stunden später sehe ich Herrn Epping draußen auf der Treppe vor der Haustür sitzen und rauchen.
„Konnten Sie den Laptop reparieren?“ frage ich ihn.
Herr Epping nickt und zieht an seiner Zigarette.
Leicht fröstelnd ziehe ich den Reißverschluss meiner Jacke zu.
„Langsam wird es nachts frischer.“ sage ich zu ihm. Herr Epping nickt.
„Werden Sie demnächst in der Notunterkunft schlafen?“
„Nope!“ antwortet Herr Epping. „Ich bin immer draußen.“
„Ach so, Sie haben einen guten Schlafsack.“ erwidere ich verstehend.
„Nein, ich brauche keinen Schlafsack.“ erklärt mir Herr Epping ruhig. „Ich schlafe in den Eingangsbereichen der Kaufhäuser oder in den Tiefgaragen. Da ist es immer überdacht und beheizt.“
Ich muss darüber ein paar Minuten nachdenken. „Werden Sie nachts nicht gestört?“
„Doch.“ antwortet Herr Epping. „Dann fahre ich mit meinem Fahrrad herum und schlafe tagsüber hier im Begegnungscafé.“
„Sie fahren nachts mit dem Fahrrad durch die Stadt?“
„Ja.“ erwidert Herr Epping kurz. „Ist ok.“
Er zieht an seiner Zigarette und bläst den Rauch nach oben. Still hängt jeder von uns beiden seinen Gedanken nach.
Ich gehe wieder in das Begegnungscafé, um mich aufzuwärmen. Kurze Zeit später kommt auch Herr Epping wieder rein, geht zu seinem Spind, holt etwas raus, kommt zu mir und überreicht mir eine Flasche Wein mit einem bunten Geschenkbändchen, an dem ein noch eingepackter USB-Adapter hängt. Irritiert schaue ich Herrn Epping an.
„Als Dankeschön.“ murmelt er lächelnd. „Sie hatten mir doch letzte Woche den älteren Laptop zum Ausschlachten geschenkt.“
Herr Epping nickt mir wie selbstverständlich zu und geht dann wieder nach draußen.
Jens
Jens sitzt draußen vor dem Begegnungscafé und unterhält sich mit
einem anderen Gast. Sein Markenzeichen sind Jacke und Rucksack.
Jens ist klein und drahtig; immer am Abchecken, was gerade
geht; immer auf der Suche nach pfiffigen, lukrativen Einnahmequellen.
Ich setze mich zu ihm und frage ihn erstaunt, warum er
noch hier im Begegnungscafé ist. Den Termin für den Haftantritt
hat er verstreichen lassen, erklärt er mir.
„Mit ein wenig Glück kann ich den Sommer bis zum Ende genießen,
bevor ich wieder einfahre“, sagt er verschmitzt.
Im Winter, wenn es kühler wird, wäre er dann drinnen – würde
passen. Bis dahin muss er sich ruhig verhalten. Folglich kann er
auch die Notunterkunft gerade nicht benutzen. Bei dem herrlichen
Wetter ist das kein Problem, murmelt er entspannt vor sich hin.
„Wenn ich im Winter einfahre“, meint er hoffend, „komme ich
mit ein wenig Glück in die JVA in der benachbarten Stadt.“
Dann könnte er dort in der Bücherei arbeiten. In der kennt er
sich aus.
„Ist ein angenehmer Job, nicht anstrengend und ich komme viel
herum im Bau“, erzählt er mir.
Seiner Meinung nach hat der Richter bei dem letzten Verfahren
ein wenig übertrieben. Aber, so schlimm sei das jetzt auch nicht,
die 18 Monate gehen sicher schnell vorbei.
„Überhaupt“, belehrt er mich und lehnt sich dabei zurück, „Knast
ist auch nur eine Jugendherberge für Erwachsene.“
„Ist eben nur gerade ein wenig ungeschickt für mich“, sinniert er
weiter. „Lohnt sich für mich nicht, eine Beziehung anzufangen und
eine Wohnung oder einen Job zu suchen. Das muss eben warten,
bis ich wieder draußen bin.“
24
Nach einem Blick auf sein Handy packt er schnell seine Sachen
und verabschiedet sich.
„Ich muss weg, was erledigen. Tschüss!“ Und weg ist Jens.
Uwe
Heute ist das Begegnungscafé gut besucht. Ich stehe in der Küche
und schenke einen Kaffee nach dem anderen aus. Aus den Augenwinkeln
sehe ich, dass Uwe gekommen ist. Unwillkürlich muss ich
schmunzeln. Die Umgangsweise zwischen uns beiden ist derb,
aber herzlich.
„Oh nein, der schon wieder!“ stöhne ich sofort laut und theatralisch.
„Ist wieder niemand in der Küche, der weiß, wie man Kaffee
macht?“, kommt es von Uwe in der gleichen Lautstärke zurück.
Lachend schütteln wir uns die Hand, während ich ihm mit der
anderen Hand einen Kaffee reiche. Wenn wir Zeit haben und uns
keiner stört, können wir das neckische Spiel sehr lange spielen.
Uwes Erkennungsmarke ist seine Mütze auf dem lichten Kopf.
Aus seinen großen Augen mustert er mich erwartungsvoll. Er
wartet auf eine weitere freche Bemerkung. Doch im Augenblick
bin ich in der Küche beschäftigt.
„Haste mal nachher Zeit?“, fragt er. „Ich brauche deinen Rat.“
„Klar“, sage ich. „Nachher draußen, ich melde mich.“
Uwe geht schon mal raus. Bald hat er das Rentenalter erreicht.
Wirklich viel Geld wird er als Rentner nicht bekommen, doch es
wird ein neuer Lebensabschnitt für ihn werden. Ich weiß nicht viel
aus seiner Vergangenheit. Zahlreiche Gelegenheiten, um auf Steuerkarte
zu arbeiten, hatte er wohl nicht. Zu oft stand er auf der
Schattenseite des Lebens.
Als ich eine Pause habe, gehe ich raus und setze mich zu Uwe auf
die Bank.
„Was geht ab, Uwe?“, witzele ich herum.
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„Klaus“, sagt er ernst und aufgeregt, „hast du das in den Nachrichten
gehört? Letzte Woche lief die Frist ab für die Einreichung
von Zwangsbeschäftigungen von Kindern.“
Ich schaue ihn ratlos an. „Was meinst du, Uwe?“
Leicht aufgeregt erzählt er mir, dass es eine Entschädigung für
Kinder geben soll, die in Heimen zwangsweise gearbeitet hatten.
Er hat ausgerechnet, dass ihm 10.000 Euro zustehen würden. Ich
schlucke ein wenig.
„Du musstest zwangsweise als Kind arbeiten?“, frage ich betroffen.
„Ja.“ Uwe nickt.
„Aber die Frist ist abgelaufen“, sage ich zweifelnd. „Da hast du
wahrscheinlich keine Chance mehr.“
„Ja“, meint Uwe, „und deswegen brauche ich deinen Rat. Vielleicht
kann ich trotzdem noch einen Antrag einreichen.“
Ich halte verwundert Blickkontakt.
„Weil …“, meint Uwe, „damals hatte ich ja auch einen Antrag
nach der Frist eingereicht und dann noch Geld bekommen.“
„Damals?“, frage ich ihn irritiert.
„Ja, damals“, nickt Uwe mir eifrig zu „wegen des Kindesmissbrauchs
im Heim“.
„Uwe!“, ruft ein Gast. „Kommst du mal rüber?“
Uwe steht auf und geht.
Ich sitze allein und bestürzt auf der Bank.
Joe
Es ist Donnerstagabend, kurz bevor der Begegnungscafé schließt.
Joe fragt mich, ob ich morgen da bin.
„Nein, ich komme nur am Donnerstag und am Sonntag hier vorbei.
Morgen ist Freitag“, antworte ich. „Warum fragen Sie?“
„Morgen habe ich Geburtstag“, eröffnet Joe mir.
„Okay, ich komme“, sage ich. „Geben Sie einen aus?“
„Klar“, reagiert Joe verschmitzt, „ein Glas Wasser.“
Am nächsten Tag suche ich Joe im Begegnungscafé. Er sitzt allein
in einer Ecke. Die Kapuze ist tief ins Gesicht gezogen. Er spielt
konzentriert auf seinem Smartphone. Mit meiner kleinen Tüte,
gefüllt mit Ostersüßigkeiten, gehe ich zu ihm, lege meine Hand
auf seine Schulter und gratuliere ihm zum Geburtstag.
Langsam hebt Joe den Kopf, guckt erst ungläubig, dann lächelt er
gerührt, den Kopf leicht schüttelnd und fragt: „Möchten Sie ein
Glas Wasser?“
„Ja gerne“, erwidere ich. Er geht mit mir zur Theke und bestellt
ein Glas Wasser für zehn Cent.
„Dass Sie wirklich gekommen sind …“, murmelt er.
„Hatte ich doch gesagt, oder?“ Ich lächle ihn aufmunternd an
und prostet ihm zu.
Ich gehe mit dem Glas Wasser in das Büro der Sozialarbeiter.
Eine Mitarbeiterin begrüßt mich mit den Worten, „Ah, hast du dir
dein Glas Wasser abgeholt? Joe war neugierig, ob du kommen
würdest.“
Corinna
Ich höre Corinna. Alle Gäste hören Corinna, wenn sie im Begegnungscafé
ist. Ihre monotone Stimme schwingt durch den Raum.
Corinna kommentiert das Tagesgeschehen im vorwurfsvollen,
anklagenden Ton. Das Leben hat sie gezeichnet. Genauer gesagt,
der Drogenkonsum hat markante Spuren hinterlassen. Eingefallen
und ausgemergelt sitzt sie am Tisch und redet. Im Augenblick
beschwert sie sich über die Verspätungen bei der Methadonausgabe.
Die Schwierigkeiten bei der Drogenbeschaffung bestimmen ihr
Leben. Ich habe gehört, das Alter von Corinna ist Mitte vierzig.
Tatsächlich sehe ich eine siebzigjährige Frau. Corinna redet ohne
Unterbrechung, entweder mit sich allein oder mit anderen Gästen.
Sie beschwert sich über das Verhalten von einzelnen Personen,
ärgert sich über das Verhalten der Gesellschaft und schimpft über
Ämter. Manchmal streitet sie sich mit anderen Gästen. Dann wird
ihre Stimme lauter und noch anklagender. Meistens verlässt sie am
späten Vormittag das Begegnungscafé auf der Suche nach Geldspenden.
Heute Morgen ereifert sie Corinna besonders laut und
intensiv. Ich beobachte sie. Bald ist der Zeitpunkt gekommen, dass
sie aus dem Begegnungscafé verwiesen wird.
Da sehe ich, wie Martin mit einem Korb voll mit frisch gewaschen
Handtüchern aus einem hinteren Raum kommt und den
Wäschekorb vor Corinna auf den Tisch stellt. Abrupt hört Corinna
auf zu reden, steht auf und beginnt langsam ein Handtuch nach
dem anderen aus dem Korb zu nehmen, dieses auf dem Tisch
glattzustreichen, sorgfältig zu falten und auf einen Stapel zu legen.
Als sie fertig ist, trägt sie die Stapel vorsichtig zur Küche und legt
die Stapel auf die Theke.
„Bitte schön“, sagt sie nach dem letzten Stapel und geht hinaus.
Familienfest
Ich bin als Begleiter auf eine Familienfeier eingeladen. Gemeinsam
sitzen wir an einem adrett geschmückten Tisch. Die Gastgeberin
hat Kuchen gebacken und ist emsig dabei, unsere edlen goldumrandeten
Teller damit zu beladen. Die Gespräche schleppen sich
dahin. Neugierig werde ich begutachtet. Mir gegenüber sitzt ein
Herr im gepflegten Hemd. Er legt seine Gabel beiseite, putzt sich
seine Lippen mit der Serviette und mustert mich.
„Ich habe gehört, Du hilfst Obdachlosen?“, spricht er mich mit
fragendem Unterton und neugierigem Blick an.
„Ich assistiere ein wenig in einem Begegnungscafé für wohnungslose
Menschen“, antworte ich lächelnd.
Er grübelt.
„Warum sind denn diese Menschen obdachlos?“, fragt er. „Ist es
so schwer, eine Wohnung zu finden?“
„Dafür gibt es viele Gründe“, antworte ich. „Manchmal stellt einem
das Leben ein Bein. Der eine oder andere hat einfach keine
Chance einen Platz auf der Sonnenseite des Lebens zu ergattern.“
Die anderen Gäste am Tisch hören dem Herrn und mir wortlos
zu. Der Herr spielt mit seiner Gabel und sieht skeptisch aus.
„Aber wenn es Probleme gibt, kann man die doch lösen“, sagt er.
„Oder saufen die nur?“
„Es gibt immer ein Grund, wieso eine Person trinkt“, antworte
ich.
Er streckt sich und leicht belehrend erklärt er mir, „Also, wenn
ein Problem besteht, gibt es Therapeuten und Sozialarbeiter, an
die man sich wenden kann. Da muss man nicht gleich saufen, das
geht auch anders. Klar, manchmal sind die Probleme groß,
manchmal hat man das Gefühl, die sind zu groß. Aber ganz ehr34
lich, wenn man sich das in Ruhe anschaut und mit ein paar Leuten
redet – vielleicht auch Experten. Dann findet sich eine Lösung.“
Er dreht sich beim Sprechen nach Bestätigung suchend und nickend
zu den anderen Gästen am Tisch. Einige am Tisch nicken
zurück und schieben sich ein weiteres Stück Kuchen in den Mund.
Ich merke, wie mir das Gespräch immer weniger gefällt.
„Manche Personen sind nicht in der Lage, ihr Leben in den Griff
zu bekommen“, erwidere ich leise.“
„Klar“, bekräftigt der Herr gegenüber souverän und lehnt sich
demonstrativ zurück.
„Aber dafür gibt es ja all die Sozialarbeiter. Dafür werden die ja
bezahlt, um sich genau darum zu kümmern.“
Er lächelt dabei in Richtung der anderen Gäste. Ein anderer Herr
am Tisch mit dezentem Pullunder und wohlgescheitelten Haaren
beugt sich vor und wirft ein: „Also, manchmal sehe ich da jemand
auf der Straße sitzen, der bettelt. Also ich weiß nicht, wenn ich
dem Geld gebe, kauft der sich doch nur wieder was zum Saufen“,
sagt er kopfschüttelnd.
Er wischt sich ein paar Kuchenkrümel von seinem dezenten Pullunder
und fährt fort
„Also, da gibt es einen, der sitzt immer vor Aldi – jeden Tag. Der
ist richtig frech. Immer wenn ich aus dem Geschäft komme, schaut
er mich lächelnd an und sagt ‚Guten Tag!‘ zu mir.“
Ich stehe auf und gehe auf die Toilette. Ganz lange schaue ich in
den Spiegel. Als ich mich wieder an den Tisch setze, wird über die
hohen Benzinpreise geredet.
Herr Geisler
Es ist ruhig im Begegnungscafé. Von draußen höre ich die mit
leichten Untertönen der Windböen untermalten Regenschauer.
Fenster und Türen sind geschlossen und die Heizung sorgt für
wohlige Wärme. Die meisten Gäste ruhen sich aus oder sind in
leisen Gesprächen vertieft. Eine träge, sanfte Stimmung hat sich
ausgebreitet.
Im Büro sitzend, schaue ich in den Flur. Außer Herrn Geisler, der
vor seinem offenen Spind steht, ist niemand in dem Bereich. Ein
vertrautes Bild. Herr Geisler, leicht nach vorne gebeugt, das Käppi
verwegen nach hinten geschoben, die langen Arme nahezu bewegungslos
hängend neben seinem kräftigen muskulösen Oberkörper,
verharrt still vor seinem offenen Spind. Ich stehe auf und gehe
zu ihm. Als ich neben Herrn Geisler stehe, beginnt er sich zu
bewegen. Die Arme erwachen, Gegenstände im Spind werden
geschickt gerichtet und der Spind abgeschlossen.
„Guten Tag, Herr Geisler, wie geht es Ihnen?“
„Gut“, antwortet er lächelnd mit einem kräftigen Kopfnicken.
„Ich habe gehört, Sie werden in den nächsten Tagen in Ihr neues
Zimmer einziehen?“, frage ich.
„Ja“, bestätigt Herr Geisler. Er sieht seinen geschlossenen Spind
an.
„Und?“, frage ich. „Freuen Sie sich schon?“
Herr Geisler dreht sich zu mir. „Ja, natürlich freue ich mich“, erwidert
er. „Endlich ein eigenes Klo und in Ruhe schlafen.“ Dann
schweigt er wieder und wendet sich seinem Spind zu.
„Aber …?“, frage ich. Herr Geisler zuckt die Schultern. Er dreht
sich wieder zu mir.
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„Weiß nicht“, murmelt er. „So ganz allein in einem Zimmer. Hier
im Begegnungscafé und in der Notunterkunft ist immer was los.“
Aus einem Lächeln wird ein Lachen.
„Was ich hier in dem einem Jahr alles erlebt habe, oh Mann.“
Leicht fassungslos schüttelt er dabei den Kopf. „Klar, hier gibt es
auffällige Typen“, wägt er ab, „aber ich habe auch wirklich nette
Menschen kennengelernt und die habe ich jeden Tag wieder getroffen.
Und die Betreuer und Sozialarbeiter haben immer ein
offenes Ohr. Egal ob man nur WC-Papier braucht oder eine Beratung
haben möchte.“
„Sie können uns ja jederzeit besuchen“, schlage ich leise vor.
„Ja“, antwortet Herr Geisler zustimmend, „das werde ich bestimmt
machen. Also auf jeden Fall in der Anfangszeit.“
„So ein eigenes Zimmer ist schon etwas anderes als hier“, sage
ich. „Da können Sie es sich ein wenig einrichten.“
Herr Geisler lächelt weiter. „Ja, das ist schon was, wenn man es
sich ein wenig gemütlich machen kann. Ist dann fast, als wäre man
zu Hause“, meint er sinnierend. Er senkt den Kopf.
„Damals, im Knast in Paderborn, hatte es mein Zellenvorgänger
geschafft, eine Tischdecke zu besorgen“, bemerkt er anerkennend
vor sich hin. „Das hatte schon was. War richtig wohnlich“, murmelt
er. Er hebt wieder den Kopf und grinst.
„Und das Essen dort war auch sehr gut.“ Seine Gesichtszüge werden
weich. „Ich hatte damals eine Zelle auf der dritten Etage“, sagt
er beinahe schwelgend. „Also so hoch, dass ich über die Mauer
schauen konnte. Und ganz hinten, also draußen hinter der Mauer,
fast am Horizont, stand ein Grünschnittcontainer, so zirka zehn
Kubikmeter groß. Den konnte ich von meiner Zelle aus sehen“,
erinnert er sich mit sanfter Stimme. Seine Gesichtszüge und sein
Blick verklären sich.
„Ich habe mir immer vorgestellt, wie ich ganz, ganz langsam,
Schritt für Schritt, zu dem Container gehen würde. Also mir richtig
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viel Zeit lasse dafür, schließlich war der Container ja auch sehr
weit entfernt. Und wenn ich den erreiche, würde ich noch ein
wenig weiter gehen bis zur nächsten Bushaltestelle und einfach
wegfahren.“
Herr Geisler schüttelt sanft seinen gesenkten Kopf und lächelt in
sich hinein.
„Ja, und jetzt habe ich ein Zimmer, bin schon ziemlich aufgeregt.
Wie das wohl wird?“ Seinen letzten Satz spricht er wieder nachdenklich
zum Spind, rückt sich sein Käppi zurecht, lächelt mich
nochmal an und geht zurück zu seinem Stammplatz – einem Stuhl,
ein klein wenig abseits, aber nicht zu weit entfernt von den anderen
Gästen.
Ingo
Dieses Jahr hat der Winter mit seinem kalten und rauen Atemzug
schon früh Einzug gehalten. Die Besucher suchen die Wärme und
werden im geheizten Begegnungscafé bei Kaffee und Frühstück
fündig. Heute ist einer der Tage, an dem ich stark gefordert werde.
Vor der Ausgabe der Küche drängen sich etliche Besucher.
Ich sehe, wie sich Ingo von hinten kommend durch die Wartenden
schiebt. Ingo ist sehr groß und stämmig. Entschlossen bahnt
er sich einen Weg zur Küche, schiebt sich mit einer Geste grüßend
an mir vorbei, zieht seine Jacke aus und krempelt die Ärmel hoch.
Ohne mit mir ein Wort zu wechseln, assistiert er souverän und
professionell. Er nimmt die Teller aus dem Schrank, holt Käse und
Brot aus dem Kühlschrank und beginnt Frühstückgedecke zuzubereiten.
Dann schaut er nach der Kaffeemaschine und füllt Wasser
und Kaffeepulver nach. Er sammelt die benutzten Teller und Tassen
ein und befüllt die Spülmaschine.
Ich sehe Ingo nur sehr selten im Begegnungscafé. Ingo hat jahrelang
Platte gemacht. Manchmal mit Zelt, manchmal ohne Zelt. So
wie es sich gerade ergeben hat. Schweigend kümmern wir uns um
die Gäste. Als alle versorgt sind, halten auch wir inne.
Ingo nickt mir zu, schenkt sich einen Kaffee ein und setzt sich
auf einen Stuhl in die Ecke. Er redet nicht viel. Lieber beobachtet
er leicht abwesend das Geschehen um sich herum. Ich bin dankbar,
dass mich Ingo heute unterstützt hat.
„Kommst du morgen auch?“, frage ich ihn. Er zuckt mit den
Schultern.
Ich gehe zu ihm. „Ingo, du warst mir heute eine richtig große
Hilfe“, sage ich ermunternd.
Er schaut mit seinen großen Augen durch mich hindurch.
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„Hättest du nicht Lust, regelmäßig hier in der Küche zu helfen?“,
frage ich ihn.
„Wir könnten dich für bestimmte Tage einteilen und das im Kalender
notieren?“, fahre ich, über meine Idee begeistert, fort.
Ingo schüttelt den Kopf. „Geht nicht“, sagt er leise. Er sieht meinen
fragenden Blick. „Ich kann doch hier nicht mit Restalkohol im
Blut arbeiten“, erklärt er mir. „Vorausgesetzt, ich würde es überhaupt
bis hierhin schaffen.“
Ich sehe genau hin. „Aber du bist doch nüchtern, Ingo“, stelle ich
fest.
„Ja“, sagt er leise. „Deswegen bin ich ja auch da. Aber ich weiß
nicht, wie lange ich nüchtern bin und ich weiß nicht, wann es
wieder losgeht. Und dann bin ich weg von dieser Welt und das
kann sehr lange dauern.“
Wir schweigen gemeinsam für eine kurze Zeit. Ingo steht auf und
geht nach draußen eine Zigarette rauchen.
Wolfgang
Wir sitzen bei herrlichem Wetter vor dem Begegnungscafé um den
Tisch. Nicht nur die strahlende Sonne kitzelt uns. Die Stimmung
ist ausgelassen und die kleinen, gegenseitigen Neckereien sorgen
für viel Gelächter. Mit spielerischem Geschnaufe und leichtem
Geschubse versucht Uwe, sich noch einen freien Platz am Tisch zu
ergattern. Schelmisch macht unsere Runde auf das zu üppig genossene
Frühstück und dem folglich mangelnden Platz am Tisch
aufmerksam. Uwe kontert mit dem kommenden Mittagessen und
verspricht, allen den Nachtisch zu entwenden. In einem fröhlichen
Ping-Pong-Spiel hüpfen die Witzeleien reihum. Nahezu niemand,
der nicht mit Scherzen gekitzelt wird. In den Pausen zwischen den
albernen Ausgelassenheiten lehnen wir uns zurück und blinzeln in
die Sonne. Fröhlich stehe ich auf und gehe in die Küche.
Ein paar Stunden später räumen wir auf. Zwei Gäste helfen mit,
die Tische zu säubern, ein weiterer Gast trägt Tisch und Stühle
rein. Winkend mit dem Hinweis, sich Morgen in alter Frische hier
wiederzusehen, verabschieden wir uns heiter voneinander.
Den restlichen Tag und die darauf folgende Nacht verbringe ich
in meinem Campingwagen auf dem nicht so weit entfernten Campingplatz.
Das Konzert der Vögel kündigt mir morgens den Tag an.
Was für ein erhabener Moment, die würzige Luft auf dem Weg
zum Waschraum einzuatmen.
Wolfgang, mein Camper-Nachbar, steht schon an einem Waschbecken
und ist dabei, sich zu rasieren. Die glitzernde Goldkette
um seinen Hals wird durch den nackten, sonnengebräunten Oberkörper
betont. Seine Bermudashorts und seine gepflegte Frisur
ergänzen sein Erscheinungsbild perfekt. Freundlich begrüßt er
mich. Wir tauschen uns über das Wetter aus, und ich erzähle ihm,
dass ich nachher wieder zum Begegnungscafé fahre.
42
Wolfgang dreht sich zu mir und fragt: „Sag mal, sind die wenigstens
dankbar dafür?“
Ich reagiere nicht. Auf der Suche nach meiner Zahnbürste vergrabe
ich lieber mein Gesicht in meine Tasche. Wolfgang schaut
schon längst wieder in den Spiegel und betupft seine frisch rasierten
Wangen mit duftendem Aftershave.
Als ich mein Spiegelbild sehe, frage ich mich, wie dankbar jetzt
gerade Wolfgang ist, da ich neben ihm stehe.
Johannes
Mit ruhigen, sanften Schritten kommt Johannes in das Begegnungscafé
und fragt nach eingehender Post. Seine Haare sind wie
immer ein wenig wild, aber ich nehme weder seine Haare, noch
sein Gesicht oder seine Gestalt wirklich wahr. Mein Blick bleibt –
wie immer – bei Lucky hängen. Lucky, ein kleiner, weißer, wuscheliger
Zwergterrier, schaut mich mit seinen großen Augen erwartungsvoll
an. Warm und gemütlich, verstaut im Rucksack auf dem
Rücken von Johannes, geht Lucky durch die Welt um sich herum.
Wer Lucky so sieht, muss unwillkürlich lächeln und ich sehe Lucky
nur so – im Rucksack auf dem Rücken von Johannes.
Eigentlich sollte er auf Lucky nur ein paar Tage aufpassen, sagt
Johannes verschwörerisch. Aber irgendwie habe er sich in Lucky
verliebt und jetzt ist er immer bei ihm, schon seit vier Jahren.
Nein, heute ist keine Post für ihn gekommen. Höflich bedankt
sich Johannes und geht wieder raus auf die Straße mit dem
schweigenden Lucky im Rucksack auf seinem Rücken.
Hans
Ich bin dabei, im Begegnungscafé die aktuellen Briefe auszuhändigen,
als Hans im Türrahmen erscheint. Ganz leicht gebückt steht
er da und schaut mich mit festem, klarem Blick intensiv aus seinen
blauen Augen an.
„Habe ich Post?“, fragt er kurz und bestimmt.
Es gibt Personen, die prägen sich ein. Vor mir steht Hans, ein
älterer Herr, dessen schulterlanges, schlohweißes Haar das vom
Leben auf der Straße geprägte hagere Gesicht einen Hauch weicher
zeichnet. Seine zierliche Gestalt wird durch die ein paar
Nummern zu große, leuchtend gelbe Jacke und seine weite Hose
verdeckt. Hans‘ Erkennungsmerkmal ist die, auf den markanten
Haaren aufrecht platzierte blaue Pudelmütze.
„Einen Augenblick“, antworte ich. „Ich schaue mal nach“.
Nach einem kurzen Durchblättern der Briefe schüttele ich den
Kopf.
„Heute ist nichts dabei“, stelle ich fest.
Hans nickt kurz, dreht sich um, geht langsam in den Nebenraum
und setzt sich wie immer an den kleinen Tisch zu Herrn Müller .
Ein paar Minuten später durchquere ich auf dem Weg zur Küche
zügig den Nebenraum.
„Hey, junger Mann“, ruft Hans laut hinter mir her. „Nicht so
schnell, stehenbleiben! Kannst Du mir ein Glas Wasser geben?“
Erstaunt drehe ich mich zu ihm um und schaue in sein keckes
Gesicht.
„Klar“, antworte ich und mache einen Umweg am Kühlschrank
vorbei, um Hans ein Glas Wasser einzuschenken.
„Ja, Hans mag die direkten Ansagen“, meldet sich laut lachend
ein Gast zu Wort.
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„Wisst ihr noch, wie er vor kurzem zügig und laut gestikulierend
auf den Autofahrer zugehumpelt ist? Der war gerade dabei ins
Auto zu steigen und hat sich beim Anblick von Hans beeilt und
anschließend schnell die Tür zugemacht. Aber Hans hat energisch
an die Autoscheibe geklopft, und als der Mann dann vorsichtig die
Scheibe ein paar Zentimeter heruntergelassen hat, fragte Hans
ganz aufgeregt: Woher kommst du denn? Ich kenne die Abkürzung
für die Stadt auf deinem Nummernschild nicht“, erzählt der
Gast kopfschüttelnd.
„Ich weiß gar nicht, wie du das immer machst, Hans“, sagt ein
weiterer Gast sinnierend. „Du bist immer so erfolgreich in der
Fußgängerzone mit Deinem Pappbecher. Du bekommst immer so
viele Münzen. Also ich schaffe das nicht.“
„Möchtest du bei mir in die Lehre gehen?“, fragt Hans scherzhaft.
„Ist ganz einfach, so etwas. Ich nehme dich in paar Tage mit –
und schwupp, dann weißt du wie das geht.“
„Du bist schon eine Marke“, lächelt der angesprochene Gast,
während Hans sein Glas Wasser trinkt, seine Beine ausstreckt und
sich anschließend zufrieden zurücklehnt.
Eine Woche später komme ich wieder zum Begegnungscafé. Wie
üblich informieren mich die Mitarbeiter über die jüngsten Ereignisse.
„Hans ist gestorben“, sagt Marion leise. Fassungslos schaue ich
Sie an.
„Hans, unser Hans?“, frage ich irritiert. „Was ist passiert?“
„Am besten fragst du mal Herrn Müller, der war dabei, als es
passierte“, antwortet Marion.
Ich gehe in den Nebenraum. Dort sitzt wie immer Herr Müller
an die Wand gelehnt an einem kleinen Tisch. Ich setze mich zu
ihm auf den Stuhl, auf dem sonst immer Hans saß.
„Was ist passiert?“, frage ich ihn sanft.
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„Tja, was soll ich sagen?“ Herr Müller zuckt mit seinen Schultern
und schaut ein wenig verloren um sich. „Hans ging es den
ganzen Tag nicht so gut. War sehr ruhig und hat nicht viel gegessen“,
erzählt Herr Müller . „Ich hatte ihn gefragt, ob wir den
RTW holen sollen oder ob er irgendetwas bräuchte. Aber Hans hat
nur verneinend den Kopf geschüttelt. Abends dann, als das Begegnungscafé
schloss, sind wir beide zusammen aufgestanden, um zur
Notunterkunft in die benachbarte Straße zu gehen. Hans ging
sehr, sehr langsam. So ziemlich auf der Hälfte des Weges dreht er
sich zu mir um und sagte – Hol den RTW! und fiel dann einfach
um. Ich habe sofort angerufen und die kamen auch sehr schnell.
Aber die konnten nichts mehr machen, anscheinend Kreislaufversagen.“
Herr Müller und ich schauen uns schweigend an.
„Jetzt ist Hans weg“, murmelt Herr Müller und schaut wieder
in die Luft.
„Ist für mich gerade nicht einfach, abends den Weg vom Begegnungscafé
zur Notunterkunft zu gehen.“
Nachtrag
Hans fiel mir immer auf und ich wollte mir immer Zeit nehmen,
mit ihm zu reden. Er war eine rheinische Frohnatur und ich war
neugierig auf ihn. Doch das Schicksal war schneller.
Ich möchte mit diesen Zeilen Hans aus dem wenigen, was ich von
ihm mitbekommen habe, ein Gesicht geben. Er steht für mich für
alle Personen, die draußen still und leise von uns gehen.
Salvatore
Ich schaue durch das Fenster. Langsam werden die Tage kürzer.
Die Sonne zügelt ihre Kraft, die Temperaturen beginnen auch
tagsüber zu sinken und der Kaffee wird zunehmend im Begegnungscafé
genossen. Draußen, vor der Tür, steht für Raucher ein
Tisch mit Stühlen und ein wenig abseits einer Bank. Im Augenblick
ist kein Stuhl besetzt. Ich freue mich, als ich bemerke, dass Salvatore
auf der Bank sitzt. Ich ziehe meine Jacke an und gehe mit zwei
Tassen Kaffee hinaus. Freundlich nicke ich ihm zu und setze mich
neben ihn.
„Guten Morgen, Salvatore!“, begrüße ich ihn und reiche den Kaffee.
Mit einem herzlichen Lächeln schaut er mich an. „Danke schön
und guten Morgen, Klaus.“
Hier draußen ist es ruhig. Ich drehe den Kopf und schaue ihn an.
Salvatore blinzelt verschmitzt zurück. Noch hat er keine Mütze auf
dem Kopf, aber die dicke Jacke hat er schon bis oben hin zu gezogen.
Salvatore bevorzugt es, Tage und Nächte draußen zu leben.
Räume mit mehreren Personen versucht er zu meiden. Ein wenig
erinnert er mich immer an einen Spatzen, der es nicht geschafft
hat, vor dem Regen einen schützenden Baum zu erreichen. Klein
und zerzaust sitzt Salvatore neben mir.
Ich frage: „Alles klar?“
„Ja“, bestätigt er. „Der Kaffee ist schön heiß.“
Schweigend pusten wir vorsichtig in die heißen Tassen. Ich mag
diese Momente draußen auf der Bank. Wenige Worte, freundliches
Lächeln und gemeinsames Erleben der Stille. Manchmal schenke
ich Salvatore eine Packung Tabak. Dann schaut er erstaunt abwechselnd
mich und die Packung an.
„Oh, für mich?“, murmelt er. „Vielen Dank!“
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„Möchtest du nicht in eine Wohnung ziehen?“, frage ich Salvatore.
Er sieht mich irritiert an. „Und was mache ich mit meinen Sachen?“,
entgegnet er. „Die habe ich doch alle draußen im Park
versteckt.“
„Aber die kannst du doch mit in die Wohnung nehmen“, sage
ich. Verständnislosigkeit spiegelt sich in seinem Gesicht.
Einige Monate später sehe ich ihn wieder draußen auf der Bank
sitzen. Irgendwie sieht er anders aus.
„Guten Morgen, Salvatore!“, begrüße ich ihn und setze mich mit
zwei Tassen Kaffee zu ihm. Dankbar nimmt er eine Tasse. Ich
betrachte ihn von der Seite. Er sieht frisch aus. Nicht mehr wie ein
zerzauster Spatz.
„Du siehst anders aus, Salvatore“, sage ich. „Was ist geschehen?“
„Ich habe eine kleine Wohnung, ein Zimmer“, antwortet er.
Diesmal schaue ich ihn erstaunt an. „Ich dachte, das wolltest du
nicht“, entgegne ich.
„Stimmt, aber die Sozialarbeiterin hat mich stark bedrängt, die
Wohnung anzunehmen“, meint er nickend.
„Und – wie ist es so?“, frage ich.
„Schön“, sagt er. Seine Gesichtszüge sind entspannt. „Ich kann
jetzt ungestört schlafen. Keiner vertreibt mich. Ich brauche keine
Angst mehr zu haben. Ich schlafe gerade sehr viel.“
Schweigend pusten wir vorsichtig in die heißen Tassen und genießen
unsere zweisame Stille
Detlef
Es ist Vorweihnachtszeit, genauer gesagt, heute ist dritter Advent.
Das Begegnungscafé ist gut besucht. Es liegen Zweige und bunte
Servietten mit Weihnachtsmotiven auf den Tischen. Neben mir
sitzt Detlef und unterhält sich mit Petra. Ich wende mich den
beiden zu und lausche.
„Am Heiligabend gab es immer Schwarzwälder Torte“, erzählt
Detlef.
„Wichtig ist, wenn der Teig zubereitet wird, müssen die Eier getrennt
werden. Die Eiweiße werden mit dem Zucker steif geschlagen
und die Eigelbe mit anderem Zucker cremig gerührt. Danach
werden die beiden Eimischungen vorsichtig miteinander verrührt.
Das ist der Trick, damit der Teig fluffig wird. Der Teig wird gebacken
und dann vorsichtig waagerecht durchgeschnitten. Zwischen
die Teigböden kommt eine Kirsch-Sahnecreme-Mischung. Die
Tortenoberfläche und der Tortenrand werden mit der übrigen
Creme eingestrichen. Und am Ende wird alles mit Raspelschokolade
berieselt und obendrauf kommen einzelne Kirschen.“
Detlef schweigt und Petra lächelt. Beide schauen auf den Tisch,
auf dem Zweige und Servietten mit Weihnachtsmotiven liegen.
Frau Brohn
Ich schaue auf die Uhr. Frau Brohn ist noch nicht da und das
Begegnungscafé schließt in einer halben Stunde. Frau Brohn erscheint
immer erst in der letzten Stunde der Öffnungszeit.
Genau in dem Moment kommt sie mit ihren typischen schnellen,
kleinen Schritten herein, stellt kurz ihre Tasche ab und steuert auf
mich zu. Die grünen Einweghandschuhe hat sie schon übergezogen.
„Hallo“, nuschelt sie hastig. „Drei weiße Tüten bitte“, und streckt
dabei fordernd den Arm aus. Ich öffne die Schublade und hole die
Abfalltüten heraus.
„Ja, ja, ja, die weißen“, kommentiert Frau Brohn meine Tätigkeit.
„Ja, ja, ja“, murmelt sie nickend, nimmt die Tüten und trippelt
zur Kellertreppe.
Ich höre ihr lautes Nuscheln und das Geklapper der Mülleimer.
Nach einiger Zeit kommt Frau Brohn vor sich hinsprechend mit
den gefüllten Abfalltüten wieder hoch, stellt diese in einer Ecke ab
und beginnt umgehend weiter wispernd alle Tische abzuwischen.
Dabei schüttelt sie ständig den Kopf und kommentiert ihre Aktivitäten.
„Ja, Tisch putzen“, murmelt sie. „Oh je, alles dreckig, muss putzen.“
Wie ein Wirbelwind eilt sie murmelnd und putzend durch das
Begegnungscafé. Jeder Stuhl wird beiseite geschoben, keine leeren
Verpackungen bleiben von ihr unentdeckt.
„Frau Brohn, das Begegnungscafé schließt in fünf Minuten“, informiere
ich sie.
„Ja, ja, ja!“, ruft sie. „Ich bin gleich fertig, Begegnungscafé schließt
gleich, ja, ja, ja“, und wuselt emsig weiter.
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Ein paar Minuten später. „Frau Brohn, wir schließen jetzt“, rufe
ich.
„Ja, ja, ja“, antwortet sie. „Ich komme“, und macht einfach unbehelligt
fleißig weiter.
Nach mehreren Aufforderungen streift Frau Brohn ihre Handschuhe
ab und nimmt raunend ihre Tasche. Wie all die Tage zuvor
verlasse ich gemeinsam mit Frau Brohn das Begegnungscafé. Vor
der Tür trennen sich unsere Wege.
Später sehe ich sie wieder. Am Rande einer belebten Einkaufsstraße
sitzt Frau Brohn auf einer Bank. Die Notunterkunft öffnet
erst in einer Stunde. Still und teilnahmslos sitzt Frau Brohn da im
pulsierenden Treiben, wie ein Kieselstein im Flussbett.
James
Zügig ziehen wir unsere Bollerwagen durch die Fußgängerzone.
Die Tour ist durch die Lebensmittelspenden der Geschäfte zu
bestimmten Uhrzeiten genau getaktet. Selten ist bei der Essensund
Kleiderausgabe Zeit für längere Gespräche mit den Personen
auf den Straßen. Wir biegen in eine ruhige Seitengasse ein. Dort
sind an der Wand vorm Kaufhof fein säuberlich über mehrere
Meter Kleider und eine Matratze gestapelt. Der Besitzer der Sachen
steht ein wenig schüchtern hinten am Ende des Stapels. Im
Strom der Menschenmassen in der Fußgängerzone würde er in
seiner Unscheinbarkeit nicht auffallen. Sein äußeres Erscheinungsbild
und sein Verhalten gleicht all jenen, die nach Feierabend
an den Geschäften ruhig vorbeiflanieren. Er lächelt uns an
und beantwortet unsere Fragen nach Essens- und Kleiderwünschen.
Höflich, leise, mit wenigen Worten. Ich meine, in seinen
Antworten einen Dialekt zu hören.
„Kommst du aus Bayern?“, frage ich lächelnd und reiche ihm eine
Plastikschüssel mit Eintopf.
„Nein“, erwidert er leise. „Aus Kansas.“
„Whow, aus Amerika“, sage ich erstaunt. „Und da bist du zu uns
gekommen?“
„Ja“, sagt er. „War GI.“
„Ich heiße Klaus und wie heißt du?“, frage ich ihn.
„James“, antwortet er verhalten.
Während er vorsichtig seinen Eintopf auslöffelt, schauen wir uns
lächelnd an. James strahlt ruhige Stille aus. Wahrscheinlich würde
ich James im Gewusel der Fußgängerzone nicht wahrnehmen. Und
wenn doch, würde ich nicht eine wohnungslose Person, sondern
einen gepflegten Mann, der in sich ruhend langsam daher geht,
bemerken.
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„Welcome James in our city“, sage ich winkend zum Abschied
und wir ziehen mit den Bollerwagen weiter in das Gewusel der
Fußgängerzone.
Manfred – Gabi
Das Begegnungscafé ist ein Aufenthaltsort für Einzelgänger. Wie
Blätter, die einzeln vom Baum heruntertrudeln, sich auf dem
Boden durch den Wirbel des Windes zusammenfinden, werden die
Menschen nach einiger Zeit durch einen Windstoß wieder in alle
Himmelsrichtungen verteilt. So auch heute. Einer nach dem anderen
kommt im Laufe des Tages herein, setzt sich allein in eine Ecke
oder zu anderen Personen an den Tisch. Schließt das Begegnungscafé,
geht es wieder raus. Als Einzelgänger den eigenen Weg oder
gemeinsam mit anderen Einzelgängern in die Notunterkunft.
Ein Einzelgänger, den ich schon länger kenne, ist Manfred. Mit
seiner schlanken 1,90 Meter großen, aufrechten Statur, fällt er auf.
Manfred ist ein stiller Mensch. Meistens steht er draußen und
raucht. Eine Hand in seiner Jeanshose, im Gesicht ein leichtes
spitzbübisches Lächeln. Manfred trägt immer Jeansjacke und
Jeanshose. Das Leben da draußen hat seine Spuren an den Kleidern
hinterlassen. Manfred redet und diskutiert nicht viel. Meistens
ist er in der Nähe, wenn Menschen, miteinander reden. Er
hört zu und lächelt manchmal. Manchmal erinnert er mich an
mein Auto, das mal wieder in eine Autowaschanlage müsste.
In das Begegnungscafé kommen nicht nur männliche Einzelgänger.
Gabi ist ein ruhiger, stiller Gast. Vorsichtig schiebt sie beim
Eintreten ihren Rollator vor sich her. Sie sucht den nächsten freien
Stuhl. Auf Fragen antwortet Gabi höflich, langsam und schüchtern.
Beim Mittagessen bevorzugt sie eher kleinere Portionen und bedankt
sich auf ihre stille, warme Art. Auch Gabi geht nach der
Schließung des Begegnungscafés ihren Weg als Einzelgänger. Oft
ist sie die letzte Person, die auf der Straße tief gebeugt über ihrem
Rollator langsam hinter der nächsten Ecke verschwindet.
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So wie sich die Blätter beim Fallen vom Baum nicht finden, kann
ich mich nicht erinnern, dass sich Einzelgänger aus dem Begegnungscafé
jemals gefunden haben. Nur einmal. Es war in der dunklen
Zeit der Coronamaßnahmen mit stark reduziertem Kontakt
zwischen den Mitmenschen. Das Begegnungscafé war im Notbetrieb.
Essensausgabe erfolgte durch das offene Fenster. Da sah ich,
wie sich zwei Menschen nähern. Die eine Gestalt ist Gabi, über
ihrem Rollator gebeugt. Die andere Gestalt ist Manfred. Seine
große Gestalt ging langsam und bedächtig neben Gabi. Schützend
führte seine Hand Gabi am Arm. Bei uns angekommen, geleitete er
Gabi zu einem Stuhl, half ihr vorsichtig, Platz zu nehmen und kam
dann zu uns, um das Essen für Gabi und sich abzuholen. Aus der
Nähe konnte ich das Ergebnis der „Waschanlage“ bestaunen, die
Manfred aufgesucht hat. Ein prächtiger Kerl stand vor mir, der
höflich auf die kleinen, aber feinen Essenswünsche von Gabi hinwies.
Mit den Speisen ging er zurück zu Gabi. Sie widmeten sich
einträglich zusammen dem Essen. So wie sie gekommen waren,
gingen sie anschließend wieder fort. Sie, über den Rollator gebeugt
und er, schützend langsam neben ihr, seine Hand auf ihrem Arm.
Da gingen nicht zwei Einzelgänger.
Herr Kubik
„Wild und unheimlich“, ist eine treffende Kurzbeschreibung für
Herrn Kubik. Er lebt in seiner Welt. Seine Bewegungen sind fahrig.
Sein Äußeres leicht ungepflegt, der Bart zerzaust, die Haare leicht
verfilzt und die Kleidung eine Nummer zu groß für den schmächtigen
Körper. Beeindruckend ist sein stechender, leicht entrückter
Blick aus dem abgehärmten, harten Gesicht. Herr Kubik führt
ständig Selbstgespräche. Alles an ihm bewegt sich dabei. So als
würde er sich dauernd etwas selbst erklären. Seine Sprache ist
schwer verständlich. Die Worte gehen unter in lautem Nuscheln
und Zischen. „Herr Kubik war meine Feuerprobe, mein erster Fall
als ich hier als Berater anfing“, meinte Michael mal zu mir.
Meine Arbeitskollegin Maria und ich sitzen im Büro. Plötzlich
steht Herr Radatz vor mir. Er beugt sich zu mir runter, sein Gesicht
ist nur eine Handbreit von meinem entfernt.
„Haste Geld?“, faucht er mich mit aggressivem, stechendem Blick
an und hält mir die offene Hand hin.
Irritiert bewege ich verneinend den Kopf. Ganz langsam.
„Herr Kubik, Sie hatten heute drei Kuchen“, ruft Maria von hinten.
Er löst seinen Blick nicht von mir. Wir starren uns wortlos an.
„Herr Kubik, hat Ihnen der Kuchen geschmeckt?“, meldet sich
Maria wieder. Etwas verändert sich. Ich glaube zu erkennen, dass
Herr Kubik blinzelt, der Blick verschwimmt. Er beugt sich allmählich
hoch und dreht sich zu Maria. Sein Gesicht entspannt sich.
Der Hauch eines milden, schüchternen Lächelns breitet sich um
Mund und Augen aus. Er streicht seinen Bart, senkt die Augen und
nickt bedächtig.
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„Ja“, meint er vollkommen ruhig. „Ja, hat gut geschmeckt. Danke.“
Gemächlich macht Herr Kubik kehrt und verlässt das Büro.
Herr Mirsa
Warm und milde zeigt sich der Frühherbst von seiner gönnerhaften
Seite. Viele Gäste im Begegnungscafé sitzen entspannt in
Gespräche vertieft zusammen. An einer Wand lehnend unterhalte
ich mich mit Herrn Epping über das aktuelle Angebot des benachbarten
Bäckers. Herr Adim, ein weiterer Gast gesellt sich zu uns.
„Sagen Sie mal“, spricht mich Herr Adim an. „Was machen Sie
eigentlich, wenn Sie nicht hier sind?“
Lächelnd drehe ich mich zu ihm. „Raten Sie doch mal“, fordere
ich ihn auf, mein Blick wechselt interessiert zwischen ihnen. Beide
überlegen. Zögerlich fallen die ersten Vorschläge.
„Eventmanager“, schlägt Herr Epping vor. „Oder Pfarrer oder
Richter“, ergänzt Herr Adim.
„Richter ist witzig“, erwidere ich grinsend, „Ich bin Schöffe.“
Beide schauen mich erstaunt an.
„Hier beim Amtsgericht?“, fragt Herr Adim, „Dann kennen Sie ja
auch die Amtsrichter.“
„Ja“, sage ich nickend.
Herr Adim schaut mich nachdenklich an. „Das heißt, Sie
schicken uns in den Knast, wenn wir vor Ihnen stehen?“, fragt er
überrascht.
„Wenn ein Urteil gesprochen wird, bei dem ich als Schöffe zugegen
bin, dann bin ich für das Urteil mitverantwortlich.“
Ein paar Tage später bemerke ich ein sehr hohes Aggressionspotential
von Herrn Mirsa mir gegenüber. Wenn er an mir vorbeigeht,
faucht er mich an und von weitem zeigt er schimpfend in
meine Richtung.
Plötzlich steht Herr Mirsa vor mir im Büro. Suchend sieht er sich
nach anderen Mitarbeitern um. Doch außer mir ist niemand im
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Büro. Er zögert, doch dann fragt er mich verhalten nach einer
Briefmarke für einen Brief. Ich suche in den Büroschränken und
Schubladen vom Schreibtisch, aber ich finde keine Briefmarken.
Wortlos dreht er sich um, geht in den Nachbarraum und setzt sich
an einen Tisch. Da fällt mir ein, dass ich immer Briefmarken in
meiner Brieftasche habe. Ich gehe mit der offenen Brieftasche zu
ihm in den Nachbarraum, zeige ihm welche Briefmarken ich habe
und frage, ob etwas für ihn dabei ist. Herr Mirsa hebt zögernd
seinen Kopf, schaut mich mehrere Sekunden verwundert an, dann
lächelt er.
„Die eine Briefmarke reicht“, sagt er, nimmt die Briefmarke und
senkt wieder seinen Kopf.
„Danke, Herr Richter“, sagt er leise mit einem belustigten Unterton.
Herr Harms
Die Stadt ist in sonntäglichen Sonnenschein eingetaucht. Pärchen schlendern händchenhaltend durch die Stadt und auf dem Marktplatz genießen sitzende Passanten die warme frühlingshafte Atmosphäre. Im Vorbeifahren sehe ich Herrn Harms. Den Kopf weit nach hinten geneigt, große Kopfhörer auf den Ohren, das Gesicht der Sonne zugewandt, sitzt Herr Harms mit geschlossenen Augen allein auf einer Bank. Passend zum sonnigen Sonntag trägt er ein cremefarbenes Hemd und eine beige Hose. Seine kleine, zierliche Gestalt schmiegt sich an die Rückenlehne der Bank und ein zufriedenes Lächeln hat sich auf seinem hageren, glattrasierten Gesicht ausgebreitet. Neben seinen ausgestreckten Beinen lehnen seine Krücken an der Bank. Seit seinem Bänderriss vor einem Monat ist er auf ihre Hilfe angewiesen. Ich fahre weiter, parke mein Auto und gehe zum Begegnungscafe. Nachdem ich mich mit einigen Mitarbeitern unterhalten habe, schaue ich mich im Raum um. Herr Harms ist inzwischen von seinem Ausflug zum Marktplatz zurückgekehrt und hat wieder seinen Stammplatz eingenommen – ein kleiner Tisch direkt unter dem Fenster. Als ich mich dem Tisch nähere, bemerkt er mich, nimmt lächelnd die Kopfhörer ab und reicht mir höflich und dezent die Hand zum Gruß. „Guten Tag“, sagt er, „wie geht es Ihnen an diesem Sonntag?“, fragt er.
„Entschuldigen Sie, dass ich nicht aufstehe“, fügt er hinzu, „das ist gerade etwas unpraktisch.“
Lächelnd setze ich mich auf den freien Stuhl neben ihm.
„Mir geht es gut, Herr Harms“, antworte ich, „und Ihnen?“
„Es geht voran“, erklärt mir Herr Harms mit einem verschmitzten Lächeln. „Ich kann den Fuß schon etwas mehr bewegen. Und auf dem Marktplatz habe ich eine Bank gefunden, auf der ich die Sonne genießen kann. Jede Stunde gehe ich langsam mit meinen Krücken dorthin und schnappe etwas frische Luft.“
„Ich weiß“, sage ich lächelnd. „Ich habe sie gerade gesehen.“
Erstaunt schaut er mich an, „Wie das?“ fragt er.
„Ich bin am Marktplatz vorbeigefahren und habe gesehen, wie Sie sich sonnen“, sage ich lachend.
Herr Harms lächelt zurück.
„Und“, frage ich, „wie geht es ihnen sonst?“
„Gut“, antwortet Herr Harms nickend. „Riechen sie mal an dem Brot, das ich gekauft habe. Duftet es nicht wunderbar? Es ist zwar etwas teurer, aber ich denke, es ist es wert. Außerdem bekomme ich für jedes Brot, das ich dort kaufe, einen Bonuspunkt und bald habe ich so viele Bonuspunkte, dass ich ein Brot umsonst bekomme.“
Das Brot duftet wirklich lecker. Vor Herrn Harms steht neben dem Brot auch eine Plastikschachtel auf dem Tisch. „Können Sie mir einen Gefallen tun“, fragt er, „können Sie mir einen großen Teller aus dem Regal holen? Mit den Krücken ist das ein bisschen anstrengend“.
„Klar“, antworte ich und hole einen Teller. Sorgfältig nimmt er zwei Scheiben Brot aus der Brottüte, öffnet die Plastikbox und entnimmt ihr eine angebrochene Rolle Zwiebelmettwurst. Konzentriert streicht er großzügig Zwiebelmettwurst auf die beiden Brotscheiben. Dann hebt er langsam den Kopf, schaut mich an und sagt: „Ralf hat Hunger. Könnten Sie mir vielleicht noch einen Gefallen tun und ihm sagen, dass ich belegte Brote für ihn habe?“
Erstaunt schaue ich ihn an. „Ralf“, frage ich, „wer ist Ralf?“ „Ralf müsste im Nebenzimmer sein. Ich glaube er döst dort auf einer Liege“, erklärt mir Herr Harms.
„Ach, Sie meinen Herrn Nolte“, entgegne ich.
„Einen Moment, ich sehe mal nach“, füge ich hinzu und gehe ins Nebenzimmer. Tatsächlich, Herr Nolte liegt in eine Decke gehüllt auf einer Liege.
„Herr Nolte“, spreche ich ihn an, „möchten Sie etwas essen?“
„Nein“, antwortet Herr Nolte, „in zwei Stunden wird gekocht“.
„Herr Nolte“, entgegne ich, „Herr Harms hat Ihnen belegte Brote zubereitet“.
Herr Nolte schaut hoch, reißt die Decke von sich und springt auf. Gemeinsam gehen wir ins andere Zimmer und setzen uns zu Herrn Harms. Er ist gerade dabei, die Brote mit Zwiebeln zu garnieren. Andächtig sitzt ihm Herr Nolte gegenüber.
„Wie früher bei Papa“, flüstert er leise und lächelt.
„Guten Appetit Ralf“, sagt Herr Harms und schiebt ihm behutsam den Teller mit den Broten zu.
Autor
Klaus Merz, neben meiner Beschäftigung als Chemiker in Forschung und Lehre an einer Universität bin ich seit Jahren ehrenamtlich in unterschiedlichsten Wohnungslosenprojekten und -institutionen tätig.
e-mail: Merz@ausgegrenzt-wohnungslos.de
